Spiritualität und Schamanismus Nordeuropäischer Völker

Die mythologische Runenfindung

Mythologisch betrachtet, wurden die Runen vom Schamanengott Óðinn höchstpersönlich gefunden, als dieser neun Nächte (nicht Tage) an dem Baum Yggdrasill hing (ob es sich tatsächlich um eine Esche handelte, ist nicht gänzlich geklärt). Die Hávamál gibt in den Strophen 138-145 (Rúnatals þáttr Óðins) deutlich darüber Aufschluss, wie dieses Runenfindungsritual von statten ging.

Aufgehängt am windigen Baum und durch Selbstverletzung und Fasten in tiefer Trance versetzt sah Óðinn die Runen. Der Vers 140 gibt darüber Aufschluss, dass Óðinn dabei die neun Zauberlieder (Fimbulljóð) sang, die er von seiner Mutter Bestla erlernte, ob es sich hierbei um runagalðr handelte ist nicht gesichert und sollte auch nicht das Thema sein. Auch dies ist schamanische Praxis, das Singen von Zauberliedern (Galdr) in der Trance oder um in Trance zu gelangen. Mit diesen Zauberliedern und dem Trunk des Skaldenmets, begann Óðinn zu denken (evtl. Die Runen zu denken) und zu wachsen und fand schließlich die Runen, oder er nahm sie wahr ( finna = finden, wahrnehmen). Dies bedeutet, dass Óðinn die Runen nicht nur erfand, nein, er lernte auch ihre tiefe Bedeutung kennen. Bei den Runeneschamanen und Runenkundigen in Skandinavien wir auch heute noch gelehrt, dass die Runen sich ursprünglich aus einem Gitternetz von neun Stäben bildeten und auch hier haben wir wieder die Zahl neun als Symbolträchtige Zahl.

Óðinn wird so unter anderem durch seine Dichtkunst und Runenkenntnisse mit Magie und Schamanismus zusammen gebracht, was nicht nur die Hávamál sondern auch der zweite Merseburger Zauberspruch bezeugt, worin Wodan durch Zauber ein Pferd heilt.

Der Vollständigkeit halber, haben wir hier den Text aus der Hávamál mit eingefügt.

Hávamál 138-145:

Ich weiß, dass ich hing       am wehenden Baum
neun ganze Nächte,
vom Speer verwundet,       dem Odin geweiht,
ich selber, mir selbst,
an dem Baum,       von dem niemand weiß,
aus welchen Wurzeln er trieb.

Sie erquickten mich weder mit Brot      noch mit dem Horn;
ich spähte nieder
nahm die Runen auf,     ächzend nahm ich sie,
dann fiel ich nieder.

Neun mächtige Lieder      lernte ich vom berühmten Sohn
Bölthorns, Bestlas Vater
und ich trank einen Trunk      des kostbaren Mets,
aus Odhrörir geschöpft.

Dann erblühte ich      und war reich an Wissen
und wuchs und fühlte mich wohl,
Wort aus meinem Wort      erforschte das Wort,
Werk aus meinem Werk,      erforschte das Werk

Runen musst du finden       und ratbare Stäbe,
sehr mächtige Stäbe,
sehr starke Stäbe.
Die Fimbulthulur färbte,
von hohen Göttern erschaffen,
und geritzt vom ruhmreichen Herrscher.

Ódhinn bei den Asen,       und für die Alfen Dáinn,
Dvalinn für die Zwerge,
Álsvidhur für die Riesen,
einige ritzte ich selbst.

Weißt du wie man ritzen soll?       Weißt du wie man raten soll?
Weißt du wie man färben soll?       Weißt du wie man erfahren soll?
Weißt du wie man bitten soll?       Weißt du wie man opfern soll?
Weißt du wie man senden soll?       Weißt du wie man tilgen soll?

Besser nicht gebetet       als zu viel geopfert:
die Gabe will stets Vergeltung.
Besser nichts gesendet       als zu viel getilgt.
So ritzt' es Thundr       zur Richtschnur den Völkern.
Dann entwich er       dahin, wo er herkam.

(übersetzt von Peter Hilterhaus)

Die Zahl neun, hat in der germanischen Mythologie eine große Bedeutung, neun Nächte hing Odin an dem Baum, von dem angenommen wird, es handelte sich um Yggdrasill, es gibt neun Welten u.v.m., die Zahl neun steht für Weisheit, Eingebung, Rückbesinnung, und Selbsterkenntnis, für den Magier und Schamanen ist sie das Zeichen der Durchdringung und der versammelten Kraft, was dieses Beispiel sehr gut belegt.

Jeder gläubige Heide heutzutage, verwirft diese Runenfindungsmythologie nicht, weil besagte Runen in ihrer Vollständigkeit plötzlich gegen Ende des 2. nachchristlichen Jahrhunderts auftauchten, obgleich es archäologisch und kulturhistorisch schon vom Mittelmeerraum her beeinflusste prärunische Zeichen gab die evtl. auch inhaltlich in der Germania 10 auftauchen, man kann aber auch evtl. davon ausgehen, dass bereits im 1.Jh. u. Z. die Runen allgemein in Gebrauch waren.

Die Runen als Schrift und magische Zeichen

Die Wissenschaft geht wegen der markanten Ähnlichkeit mit dem alpinen-nordetruskischen Alphabet davon aus, dass ebendieses Alphabet der Vorläufer der Runen ist. Weit hergeholt ist das auf keinen Fall, weil es zu dieser Zeit genügend germanische Söldner im römischen Dienst gab und immerhin die archaisch-lateinische Schrift ihren Ursprung ebenfalls in der etruskischen Schrift hat.

Wie dem auch sei, sicher ist auf jeden Fall, dass den Runen große Zauberkräfte zugeschrieben wurden. Innerhalb von Grabkammern, um den Toten an der Wiederkehr zu hindern, oder auf Waffen wie Schwertern, Speerspitzen und auf Pfeilen und Schildbuckeln, um dem Krieger im Kampf Mut, Tapferkeit und den Sieg zu geben. Diese überwiegend dem Gott Týr oder Ziu gewidmete Runen, werden auch als Siegrunen (Sigrúnar) nach der Sigrdrífumál 8 genannt: «Sigrúnar skaltu kunna, ef þú vilt sigr hafa» Siegrunen sollst du kennen, wenn du willst Sieg haben, wie etwa die tîwaz Rune oder sowilo. Auf Pfeilschäften von Nydam in Nordschleswig, wurden u.a. Auch die Runen algiz und naudiz entdeckt, die erste steht für Abwehr und Schutz, die zweite steht für Not, die Absichten der Pfeile sollte somit alleine durch ihre Begrifflichkeit klar sein.

Von den insgesamt ca. 5000 Runendenkmälern, sind die meisten in Skandinavien zu finden. Sie verteilen sich nach dem Buch Runenkunde von Klaus Düwel wie folgt: Schweden ca. 3000, Norwegen ca. 1100, Dänemark ca. 700, Island kommt trotz der langen heidnischen Vergangenheit auf nur ca. 60, England ebenfalls 60, Deutschland, Isle of Man, Orkney-Inseln je ca. 30, Grönland ca. 15 und Friesland ca. 10. der Rest ist nach Düwels Angaben auf die britischen Inseln verstreut, aber diese Zahlen stammen aus dem Jahr 1983 und ist seither gestiegen, weil die Archäologie auch nicht schläft. Die meisten dieser Inschriften sind wikingerzeitlichen Ursprungs, einige und besonders in Deutschland anzufindende weisen allerdings ein beträchtliches Alter auf. Auf Fibeln und Gewandnadeln sind deutlich die Besitzer ausfindig zu machen, einige Runeninschriften weisen deutlich auf denjenigen hin der die Runen ritzte oder auf den Runenmeister oder -Magier, der sie ritzte, wie etwa auf der Fibel von Bratsberg in Südnorwegen (um 500) wo einfach der Runenmeister sich selbst nennt: ekerilaR «ich Eril» und dergleichen Beispiele gibt es viele.

Die häufigsten Runenzauberwörter sind die komplette Runenreihe des älteren fuþark auf Brakteaten, Steine, Artefakten und Hölzer, das Wort laukar für Lauch, das häufigste aber ist das Wort alu, was für Zauber schlechthin steht. Über die Bedeutung von alu hatte man zu früheren Zeiten mit dem gotischen alhs für Tempel gesehen und die Bedeutung etwa auf Tabu; Amulett gelenkt. Heute jedoch wird die etymologische Verwandtschaft mit dem altnordischen öl für Bier gesehen und die Verbindung zu Griechisch αλϋειν (alúein), was außer sich sein, oder außerhalb von sich bedeutet. Die Verbindung zur Trance und Ekstase im Zauber werden hier deutlich, wobei dann das Wort selbst, für diesen Zauber des geritzten Gegenstandes hinweist.

Auf die Technik des Runenritzens deuten sprachlich gesehen in den verschiedenen germanischen Sprachen einige Wörter hin, wie etwa das Englische to write aus dem ae.: writ für Buch, Schrift, Urkunde; wrætan für einritzen, reißen, schreiben und zeichnen, wie auch das Wort writian für zeichnen und ritzen.

Weitere etymologische Verwandtschaft zieht sich zum sächsischen wrîtan für ritzen, schreiben und zum germanisch: *writiz/*writa für Riss, Schrift. Mit diesem Ritzen ist das Anbringen der Runen an einen beliebigen Gegenstand gemeint, diese Runen wurden allerdings nicht nur wie in der Mythologie beschrieben auch gefärbt, sondern die Runen wurden tatsächlich auch ausgemalt und ausgefärbt (germanisch.: *faihjan für malen, färben).

Bei den geschriebenen Runen gibt es die sog. Sturz- und Wenderunen, die allerdings aus Platzspargründen entsprechend Verwendung fanden und nicht zu einer Negativdeutung verleiten sollten, da die Runen in der Schrift, in deren magischen Verwendung schon negativ als Fluch oder Bannsprüche oder aber auch als Heils- und Segenswunsch gedeutet werden.

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